Die Narren sind los

Wenn in Rio die Sambatruppen tanzen und die Jecken am Rhein mit Helau und Alaaf ihren Umzügen frönen, dann stürzen sich in Québec City die Kanadier in ihren Karneval. Bei minus 30 Grad und reichlich Schnee steppt im Osten Kanadas alljährlich der Bär auf dem größten Winterkarneval der Welt.
Anfang Februar regiert der Schneekönig "Bonhomme Carnaval". Das Maskottchen ist die zentrale Figur der vielen Festivitäten, darunter farbenfrohe Paraden, prachtvolle Ausstellungen und spektakuläre Wettkämpfe. Ein Riesenfest seit gut hundert Jahren. Dem "savoir vivre", der sprichwörtlichen Lebenshaltung der frankophonen Kanadier, kommt der Anlass gerade recht: Wenigstens einmal im langen kanadischen Winter muss richtig gefeiert und Väterchen Frost gezeigt werden, dass man sich nicht unterkriegen lässt.

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Kanada Reisen

Die Québecois wären keine Kanadier, wenn nicht zumindest eine abenteuerliche Outdoor-Sportart zum Fest dazugehörte. Beim Karneval ist es ein mörderisches Kanurennen, eine Überquerung des eisigen, halb zugefrorenen St. Lorenz-Strom. Der Fluss tobt unterhalb von Québec City in einer Breite von über 800 Metern. Sogar im tiefsten Winter friert er nie ganz zu, denn Ebbe und Flut halten die Eisschollen in Bewegung. Obwohl die Stadt gut 1.200 Kilometer vom offenen Meer entfernt liegt, sind die Gezeiten bis hierher deutlich spürbar. Startpunkt der Eis-Kanuten ist die Altstadt zu Füßen des Cap Diamant. Hoch oben thront das Wahrzeichen Québecs, das luxuriöse Schlosshotel Le Chateau Frontenac.

Zur Crew eines Kanus gehören jeweils fünf Bootsfahrer. Mit ihrer zerbrechlich wirkenden Nussschale müssen sie versuchen, das Südufer zu erreichen. Ein wildes Rennen über Schollen und Strudel, ein Kampf gegen Eis und die starke Strömung. Bei offenem Wasser wird gepaddelt. Wo scharfkantige Schollen den Weg versperren, müssen die Kanuten ihr Boot zerren, ziehen und schieben. Jeder Schritt wird zum Drahtseilakt. Die Männer balancieren buchstäblich auf dünnem Eis, hüpfen von einer Scholle zur nächsten, klettern über mächtige Barrieren, springen bei der nächsten Öffnung blitzschnell wieder in ihr Kanu und paddeln weiter, als ob es um ihr Leben ginge.

Wer tatsächlich das rettende Südufer erreicht, muss - so verlangt es das Reglement - wieder umkehren und das Ziel am Nordufer ansteuern. Also zweimal durch die eisige Hölle! Spikebesetzte Gummistiefel und ein dünner Skianzug sind der einzige Schutz gegen Kälte, Eis und Wasser. Dicke Jacken oder Thermoanzüge wären beim ständigen Rein und Raus nur hinderlich. Gut 20 Mannschaften gehen jedes Jahr an den Start. Meist kommen nur ein oder zwei Boote an. Eisbrecher retten die anderen, die abgetrieben oder eingeschlossen wurden.

Anreiz, bei diesem verrückten Spektakel mitzumachen ist sicher nicht das Geld. Als Siegerpreis winken magere 2.500 Dollar. Eher sind es schon Ruhm und Tradition, die jedes Jahr zum Mitmachen verlocken. Sich mit der wilden Natur des Landes zu messen, ist seit den Pioniertagen Pflicht in Québec.

Denn schon die frühen Siedler auf den Inseln im St. Lorenz waren während des langen, grimmigen Winters von der Außenwelt abgeschlossen. Die einzige Möglichkeit, Vorräte zu besorgen oder Kranke zum Arzt zu bringen, war per Kanu übers Eis. Diesen Pionieren zu Ehren werden die Wettkämpfe veranstaltet. Eine Million Zuschauer sind auf den Beinen, um die Abenteurer abends bei der großen Parade in der Altstadt zu feiern. Und der traditionelle Karnevalsdrink Caribou, ein hochprozentiges Gemisch aus Schnaps und Rotwein, fließt in Strömen.

Autor
(XXL-News/Camilla Härtewig)